Irene Hofmann

Irene Hofmann

1966 in Eisenhüttenstadt geboren und dort aufgewachsen. Zwei Jahre Grundlagen- und Modedesignstudium an der Kunsthochschule Berlin Weißensee, dann Malerei/Grafik-Studium an der Hochschule für Bildende Künste  
Dresden. 1991 Diplom und anschließendes Meisterstudium bei Professor Gerhard Kettner. Lebt in Berlin.

Standorte: Schlangengraben am Schloss Lübben, Giebel Brückenplatz Lübben, (Nr. 6 im Kunstkompass)


Die Vergänglichkeit

Eine "Rosskur" für säkulare Andachtsbilder

"In der Welt ist alles nichtig,
nichts ist, das nicht kraftlos wär.
Hab ich Hoheit, die ist flüchtig;
hab ich Reichtum, was ists mehr
als ein Stücklein armer Erd?
Hab ich Lust, was ist sie wert?" *

-  Zeilen aus einem Gedicht von Paul Gerhardt. Im Spreewaldstädtchen Lübben verbrachte der Barockdichter, angestellt als Diakon, die letzten sieben - wenig freudvollen - Jahre seines Lebens. Damals hatte er Freunde und Geistesverwandte in Berlin zurücklassen müssen, seine Frau und vier der fünf Kinder waren bereits gestorben, das Land ringsum vom 30jährigen Krieg verwüstet.

Es gibt in seinen Gedichten einen großen Anteil von Gotteslob und schwärmerischer Gottesliebe; damit kann ich wenig anfangen. Aber man muss kein frommer Lutheraner sein wie er, um die bis heute beständige Schönheit und Kraft seines barocken Sprachgefüges zu empfinden. Die diesem Text vorangestellten Verse sind integriert in eine Reihe von Bildern, die an der Giebelwand des Hauses an der Kreuzung Berliner Straße/Breite Straße, unweit des Marktplatzes und der Paul-Gerhardt Kirche, für ca. drei Monate angebracht werden. Den Text muss man nicht als Klage, man kann ihn auch als weisen, heiteren Verzicht auslegen, und könnten diese Zeilen nicht genauso gut z.B. eine buddhistische Weisheit sein?

Neben dem inhaltlichen gibt es den formalen Aspekt des Gedichts. Strenge rhythmische Gliederung und Zahlenmaß sind dem Barockgedicht eigen wie einem Ornament. Sie vermitteln, im Gedicht und im Ornament, einen Sinn von Ordnung. Man kann darauf eine komplexe Zahlenmystik aufbauen, oder an universell gültige Gesetze der Mathematik glauben, oder an einen ordnenden höheren Schöpfer. Das Betrachten ist Kontemplation; die Struktur zu erkennen braucht logisches Denken. Hat man die Gesetzmäßigkeit erkannt, dann darf man mit ihr spielen.

Die Tafeln an der Giebelwand im Stadtzentrum wiederholen, wie die Strophen eines Liedes, in Variationen die immer gleiche Ornamentstruktur. Allen liegt eine vierfach symmetrische Konstruktion aus gleichseitigen Sechs- und Achtecken sowie annähernd gleichseitigen Fünf- und Siebenecken zugrunde. 5, 6, 7, 8: Sechs Zeilen sind aus dem Lied mit sieben Strophen mit je acht Zeilen. Die Fünf darf den naturwissenschaftlich-regionalen Bezug übernehmen: fünfzählig ist die Gurkenblüte.

Die drei Bilder im Schlangengraben-Fließ sind ornamental einfacher strukturiert. Sie sollen mit Licht, Schatten und Wasserspiegelung interagieren.

Alle Bilder befinden sich während der Aquamediale ungeschützt im Außenraum; die Bilder im Schlangengraben außerdem direkt im Wasser. Die verwendeten Materialien sind: Holz, Naturfaser und Ölfarbe. Die von mir ausgeführte Technik der Ölmalerei hat sich seit Paul Gerhardts Zeiten nicht wesentlich geändert. Als "Rosskur" bezeichnete der Maler Edward Munch seine Methode, seine Bilder über längere Zeit ins Freie zu stellen und absichtlich der Witterung auszusetzen. Meine für die Aquamediale gemalten Bilder  
unterziehe ich nun einer ähnlichen Behandlung und werde ihre in den kommenden Monaten möglicherweise stattfindenden Metamorphosen abwarten.

* aus: "Warum willst du draußen stehn", Paul Gerhardt 1653